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Niina Toyoaki Gyokudo Soke „Mein Leben in Budo und Mugairyu“

A: Der persönliche Hintergrund des Niina Toyoaki Gyokudo Soke des Mugai Ryu

Ich habe mein Training mit Aikido begonnen, und obwohl im Aikido sowohl Bokken als auch Jo verwendet werden, habe ich mich entschieden, zunächst meine Erfahrungen im Jo zu vertiefen und Training in Shinto-Muso-Ryu aufzunehmen, einem Stil, der sich auf den Jo spezialisiert hat.

Iwameji Sensei, Spitzenschüler in diesem Dojo und mein Sempai, hat mir empfohlen, mit Iaido zu beginnen. Ich glaube, dass alle Japaner eine gewisse Zuneigung für die japanische Schwertkunst empfinden.

In Nitobe Inazos Bushido können wir lesen, dass – unabhängig davon, ob es eine bewusste „japanische spirituelle Identität“ gibt – das japanische Schwert und die Tradition der Samurai als Symbole dieser Identität existieren. Dieses Bewusstsein habe ich auch in mir selbst vorgefunden. Durch Zufall war mein jo-Lehrer auch das Oberhaupt des Mugairyu, so dass mein Unterricht in Iaido direkt durch meinen Kontakt mit Mugairyu begann.

 

B: Zum Umgang mit dem Schwert

Nitobe Inazo schreibt in Bushido, dass das Vorhandensein von Schwertern in der eigenen Kindheit den Geist des Bushido in einem Menschen stärkt. Es ist notwendig, in der Nähe von Schwertern nervös zu sein und zu verstehen, dass Schwerter schneiden können – nur so kann man beginnen, Bushido zu begreifen. Das Schneiden macht das japanische Schwert aus, und es war mein Ziel, vollständig und umfassend zu verstehen, was es bedeutet, zu „schneiden“. Wahres Iaido ist nichts anderes als das, und die Konzepte des “gegenseitigen Schneidens” und der „Zusammenstoß von Leben“ (denn beide Personen in einem Kampf stehen an der Grenze zwischen Leben und Tod) sind die Voraussetzungen der Kata und des Kumitachi, wie sie uns überliefert worden sind. Dieses Bewusstsein, denke ich, ist unüblich in anderen Stilen des Iaido und sogar in anderen Ausprägungen des Mugairyu.

 

C: Über meinen Lehrer

Über Shiokawa Hosho Terushige sensei, den Lehrer des Soke, der im März 2014 im Alter von 88 Jahren verstorben ist. – Er war der 15. soke des Mugairyu Iaihyodo und stand im Rang des 9. Dan, hanshi. Als wohlbekannter und respektierter Kampfkunstlehrer hat er zum Ansehen von Mugairyu beigetragen, und er hat aktiv an „All Japan Kendo Federation“-Turnieren teilgenommen.

Es heißt, es gäbe drei Ebenen in der Welt des Budo, „Shu“, „Ha“ und „Ri“. Die meisten meiner Schüler gelangen nicht weiter als bis zu „Shu“; dann geben sie das Training auf oder wechseln zu anderen Schulen des Iaido (oder sogar anderen Formen des Mugairyu). Während ich stets an den Grundlagen gearbeitet habe, die Shiokawa mich gelehrt hatte, bin ich endlich – im Dezember 2013, kurz vor Shiokawas Tod – von der Ebene des „Ha“ zu „Ri“ vorangeschritten. Ich habe Shiokawa dies in einem Brief mitgeteilt und später erfahren, dass ihn mein Fortschritt tief bewegt hat. Seine Frau erzählte mir, dass Shiokawa sensei meinen Brief unter seinem Kissen bewahrt und ihn stets aufs Neue gelesen hat.

Mein Sensei hat mir viel anvertraut, und jetzt habe ich meine eigenen Schüler. Nun, da ich in seiner Position bin und meine Schüler anleite, verstehe ich, wie glücklich mein Fortschritt und Wachstum meinen Lehrer gemacht haben. Er war ein großer Meister, und ich hatte großes Glück, ihm nahe sein und von ihm lernen zu dürfen.

Es gab eine Zeit, da ich jeden Abend bis spät in die Nacht in seinem Dojo trainiert habe. Er sagte zu mir: „Dies ist mein Dojo, also nutze es ohne Einschränkung zu jeder Tages- und Nachtzeit.“ Nachdem er mich bis etwa 22 Uhr unterrichtet hatte, sagte er oft: „Ich gehe nach oben!“, und ich setzte mein Training im Dojo fort. Ich trainierte eine Weile, und schließlich kam er wieder herunter, ein Bier in der Hand, und sagte: „Niina, du setzt deine Füße falsch!“ Er hatte nicht zugeschaut, wie konnte er das also wissen? Er musste von oben zugehört und dadurch bemerkt haben, dass etwas nicht stimmte! Das hat mich verblüfft.

Ich bin immer noch zutiefst dankbar für das, was er mir mit auf den Weg gegeben hat, und denke jeden Tag an ihn.

 

D: Über die Ryuha (Form des Mugairyu) des Soke und seine Lehre

Man kennt Mugairyu als einen Stil des Iaido. Laut der Internet-Enzyklopädie „Wikipedia“ werden derzeit noch über 60 Iaido-Stile praktiziert. Das Iai, das dabei von den meisten Einrichtungen und Stilen gelehrt wird, besteht ausschließlich aus „Kata“-Training. Dabei wird sich nur auf die Theorie verlassen. Wenn es jedoch nur um die Theorie geht, dann können wir uns mit nichts anderem als dem „do“ im „Iaido“ befassen. Über wahrhaft authentisches Iai verfügt aber nur derjenige, der an der Grenze zwischen Leben und Tod steht, wenn das Schwert aus der saya gezogen wird.

Im Mugairyu gibt es keine Verschwendung durch Verzierung. Wohl dieser Klarheit wegen verspürt man jenes Gefühl von „Leben und Tod“ sehr intensiv – so ergeht es auch mir.

Der erste Schritt beim Erlernen von Iai ist das Wissen darüber, wie man ein Schwert zieht und wieder einsteckt – nicht nur, wie man es führt. Ein elementares Prinzip von Iai ist es, das Schwert schnell zu ziehen und direkt zu schneiden, und diese Tatsache darf man nicht vergessen! Dies bedeutet, dass das Ziehen und das Wegstecken des Schwertes regelmäßig und intensiv trainiert werden müssen. Durch stetes Üben fällt es schließlich leicht, makiwara (Strohmatten) zu schneiden.  – Früher, als Iai noch tatsächlich von denen angewandt wurde, die an der Grenze zwischen Leben und Tod standen, hatte man es mit echten Gegnern zu tun, die schneiden und töten konnten! Von einer modernen Strohmatte hingegen hat man nichts zu befürchten.

Der erste Schritt also lehrt uns, wie einfach es eigentlich ist, zu schneiden. Der zweite Schritt ist Kumitachi. Im Gegensatz zu den Makiwara gibt es in dieser Phase des Trainings einen Gegner, der auf uns zukommt und uns schlagen will. Während das Schwert noch in der saya ruht, schätzen unser Gegenüber und wir uns gegenseitig ein, indem wir Distanz und Timing (mai-ai), Atmung sowie Körper- und Fußbewegungen beobachten. Wir gelangen auch zu der Erkenntnis, dass unser Gegner uns mit Sicherheit schneiden wird, wenn wir kopflos handeln und nicht auf seine Aktionen eingehen.

Nach dem Schneiden der Makiwara im ersten und Kumitachi-Übungen im zweiten besteht der dritte Schritt aus dem individuellen Kata-Training.

Dieses Training ist sehr simpel und einfach, wenn man nicht viel über das nachdenkt, was man tut – aber wenn man tiefer in die Materie eintaucht und mehr Wissen erlangt, wird das Training immer schwieriger. Hier liegt der fundamentale Unterschied zwischen dem bloßen Nachahmen der Bewegungen einer Kata – die so niemals schneiden werden! – und der Anwendung der Erfahrungen aus den ersten beiden Schritten des Trainings. Und nur dieser zweite Weg bringt uns wirklich voran und ermöglicht uns die ersten Schritte in die Welt des authentischen Iai.

Auch unsere mentale Entwicklung, also der Zustand, den unser Geist haben sollte, wird auf diesem Wege vorangebracht, weswegen Mugairyu zuweilen auch als „Zen in Bewegung“ bezeichnet wird.

Es ist also möglich, technische Fähigkeiten danach zu beurteilen, wie jemand sein Schwert zieht. Nur das „do“ durch simples Nachahmen der Kata zu betreiben wird uns niemals so vollendet werden lassen wie die Schwertmeister und Helden der Vergangenheit – etwa der Gründer unseres Stils.

Ich glaube, dass diese Meister, auch Tsuji Gettan, der Begründer des Mugairyu, durch das Verständnis von Leben und Tod – welches wiederum aus dem Wissen stammt, wie man tatsächlich schneidet – etwas Größeres erlangt haben. Aus diesen Erkenntnissen hat sich das „do“ dieser Schwertmeister der Vergangenheit entwickelt. Bevor sie ihre höchstmöglichen Meistergrade erlangt haben, hatten sie sich dem gewidmet, was effektiv und stark ist. – Für uns heutige Menschen, die wir nicht mehr in einer Zeit aufwachsen, da Leben und Tod täglich Hand in Hand gehen, bleibt nur, die Technik richtig zu erlernen: durch das Schneiden von Makiwara und das Üben von Kumitachi und schließlich, indem wir unsere Entwicklung als „Budoka“ unser ganzes Leben lang voranbringen, wenn wir das ursprüngliche „Do“ im Kata-Training durch tägliche Anwendung zu erfahren suchen.

Doch wir leben in einer wahrlich traurigen Zeit, in der es möglich ist, einfach in ein Dojo zu gehen und nicht viel mehr zu tun. Eine Zeit, in der es so viele Leute gibt, die sich anhören, als würden sie verstehen, was „Do“ ist, wenn sie wichtigtuerisch darüber reden.  – Doch „Do“ als Konzept ist nicht etwas, das in einem Menschen einfach vorhanden ist. Ich denke, dass „Do“ etwas ist, das man nur erfahren (und verstehen) kann, nachdem man seine Technik verfeinert und die drei Ebenen durchlaufen hat, die ich erwähnt habe.

„Der Weg ist in der Technik“, wie wir sagen. Leute, die täglich daran arbeiten, verstehen vielleicht das Gedicht von Hyakusoku-den: „Widme dich den Grundlagen, und du wirst sehen, dass am Ende alles Frieden ist.“ Die Arbeit an der eigenen Technik ist die einzige Möglichkeit, den eigenen Weg in der Schwertkunst zu verstehen.

Ich trainiere Mugairyu (und andere Formen des Budo) seit vielen Jahren, doch gleichzeitig habe ich auch die Grundlagen des Mugairyu erforscht, die in einer Kunst namens Yamaguchi­ryu liegen. Zur Zeit seiner Gründung (1620) war Yamaguchi-ryu ein Zweischwert-Stil. Wie Miyamoto Musashi einmal sagte: „Wenn du weißt, wie du sowohl deinen linken wie auch deinen rechten Arm effektiv gebrauchen kannst, dann ist es vorteilhafter, zwei Schwerter zu führen als nur eines.“ Das ist, wie ich finde, eine ganz naheliegende Beobachtung.

Ich habe die Zweischwerter-Lehre des Yamaguchi-ryu studiert, um daraus Genko Nito-ryu zu erschaffen, einen Stil, den ich inzwischen in Nord- und Südamerika, in Europa und in Russland unterrichte – und selbstverständlich in Japan.

 

E: Über Budo

Manche Menschen fragen sich während ihres Trainings: “Was ist Budo?” Diese Menschen nehmen ihr Training ernst. Sie beschweren sich nicht über seine Härte. Wenn man ihre Technik korrigiert, dann setzen sie diese Hinweise um und arbeiten immer weiter an sich, vor allem an ihrer Technik.

Nach 10 Jahren des Trainings (echten Trainings, nicht bloßen Zeitvertreibs!) denkt so mancher, er sei nun stärker geworden. 10 weitere Jahre des hingebungsvollen Trainierens führen zu der Erkenntnis, dass es andere gibt, die stärker sind. Und nach weiteren 10 Jahre erkennt man dann all seine Unzulänglichkeiten, Schwächen und schließlich die Tatsache, dass man nicht das kleinste Bisschen verstanden hat. Dies wird jedem so gehen, der sein Training ernsthaft betreibt. Es gibt ein großes Tief, das jeder etwa 12 Jahre nach seiner ersten Dekade des Trainierens durchschreiten muss.

Viele Menschen jedoch denken einige Jahre nach ihrer ersten Trainingsdekade fälschlicherweise, sie würden immer stärker (egal, ob sie ernsthaft trainiert haben oder nicht). Dies ist fraglos nichts anderes als Hochmut. Egal in welchem Stil des Budo – ich glaube, dass es viele Leute gibt, die vor allem eines sind: eingebildet. Sie beherrschen die Techniken noch nicht einmal körperlich, und doch glauben sie, dass sie mit ihrem geringen Können besser sind als andere, und sie stolzieren umher, als wüssten sie alles, was es zu wissen gibt.

 

Die Wahrheit aber ist, dass es viele Menschen auf der Welt gibt, die stark sind, und dies zu erkennen ist der erste Schritt auf dem Weg zu wahrem Training. Viele Menschen begreifen dies, doch sie bleiben entspannt. Sie lassen sich von ihrer Neugierde nicht übermannen, und es interessiert sie nicht, ob sie ihre Gegner schlagen können oder von diesen geschlagen würden. Sie sind in ihrer eigenen Welt. – Dies markiert den Übergang vom Techniktraining zum „Do“, zum Weg.

Das „do“ des Budo ähnelt weniger dem Konfuzianismus, der von vielen Firmen und Organisationen eingesetzt wird, um hierarchische Prozesse zu optimieren, als vielmehr dem Taoismus des Lao-tse. Im Budo sind Vergleiche zwischen Menschen über dies und das vollkommen unbedeutend. Das persönliche Training endet nie. Tsuji Gettan, der Begründer des Mugairyu, hat gesagt: „Nun trainiere noch weitere 30 Jahre!“

Auch eine lizensierte Kenntnis der vollständigen Überlieferung bedeutet nicht das Ende des eigenen Trainings. Übe weiter mit demselben Gefühl, dass du am ersten Tage deines Trainings hattest. Nur so, hat Tsuji Gettan gesagt, wirst du immer einen Schritt weiter auf deinem Weg vorankommen. – Es gibt ein Sprichwort: „Fange bei 1 an und lerne bis zur 10 – dann gehe zurück zur 1.“

Es steckt viel Weisheit in diesen simplen Wörtern: dies ist der Charakter des Trainings im Budo, und darin unterscheidet es sich sehr vom Training im Sport.

 

F: Über Bushido

Das Budo-Training hat natürlich noch weitere Elemente: etwa Einsatz, Ausdauer, Geduld, Konzentration und Selbstkontrolle, die allesamt weiter gehen als das simple körperliche Training. Das Ergebnis wahren Trainings und der Arbeit an der eigenen Technik ist eine Verbesserung des eigenen Selbstvertrauens und der eigenen Haltung, des Mutes, der geistigen Stärke – aber auch der Demut und des Mitgefühls für andere. Denn Budo ist ein niemals endender Prozess, der auch den Charakter und die Menschlichkeit einer Person stärken soll. Durch hartes Training können wir unsere moralische Qualität als menschliche Wesen verbessern und das Selbstbewusstsein, das Pflichtgefühl und die Bereitschaft zur Selbstaufopferung erlernen, die einst jene Führungs-Klasse ausgezeichnet haben, die aus den „bushi“ bestand. Die Harmonie, die mentale Bereitschaft, seine Pflicht zu erfüllen – dies alles erwächst aus den Ergebnissen eines strengen Trainings, und ich glaube, dass dies das Wesen des Bushido ist.

Bushido, so glaube ich, ist eine praktische Philosophie des Handelns, die sich an den Werten der bushi – oder “Samurai” – orientiert. Diese Werte ähneln dem Gedanken des „Adel verpflichtet!“ oder der Ritterlichkeit, die wir in der westlichen Welt finden. Diese kulturellen Ähnlichkeiten deuten, denke ich, auf ein universelles Wertesystem hin. Bushido ist ein unterschwelliger, aber stets präsenter Teil der japanischen Lebensweise, der im Herz eines jeden Japaners seine Spuren hinterlassen hat: Das spirituelle Fundament der japanischen Kultur.

 

G: Die Zukunft des Budo

In Nitobe Inazos Bushido steht geschrieben, dass Bushido niemals vergehen wird. Und doch scheint es in unserer globalen Gesellschaft langsam dünner zu werden. – Aber ich glaube, dass wir in dieser zunehmend internationalen Welt weiterhin in der Lage sein müssen, die Frage zu beantworten: „Wer bist du?“ – gerade dann, wenn wir hinausziehen und uns dieser Welt stellen. Wenn wir diese Frage hören, dann ist dies, denke ich, nichts anderes, als ob wir gefragt würden: „Bis du Japaner? Was bedeutet es, Japaner zu sein?“ Wenn wir Budo trainiert haben, wenn wir dem Beispiel gefolgt sind, dass die Philosophie der Samurai gesetzt hat, dann werden wir sicherlich denken: „Budo und Bushido gehören dazu!“

Doch es sind nicht nur Japaner, die den Weg des Budo erlernen und mehr davon verstehen wollen. Es gibt noch viele andere Menschen auf der Welt!

Ich werde den Weg, dem ich mein ganzes Leben gewidmet habe, allen Menschen beibringen, die ihn erlernen wollen – unabhängig von ihrer Rasse, Nationalität, Religion, Ideologie oder anderen Ansichten.

Das ist mein Leben in Budo.

 

 

 

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